Noah Sow
 

Rassismus ist in der deutschen Gesellschaft fest verankert ...

Rezension von Debora Sommer

Rassismus ist in der deutschen Gesellschaft fest verankert. Wer glaubt, völlig frei davon zu sein, sollte Noah Sows Buch „Deutschland Schwarz Weiss“ lesen.

Wie präsent rassistische Stereotype und Klischees auch abseits von Äußerungen oder Verhaltensweisen in unserem täglichen Leben sind, kann jeder feststellen, der mit offenen Augen durch Deutschland läuft. Ein Beispiel unter vielen: das Besuchercafe des St. Franziskus Krankenhauses in Berlin. Im Sommer kann die große Dachterrasse genutzt werden, um die Aussicht über Berlin zu genießen, aber auch im Winter müssen die Besucher nicht auf Urlaubsfeeling verzichten. Exotische Pflanzen und Plüschpapageien sollen Dschungelfeeling erzeugen. Dazwischen stehen halb versteckt hüftgroße „Mohrenfiguren“, die alle unterwürfige Diener darstellen. Sie verkörpern die typischen Stereotype aus der Deutschen Kolonialzeit. Alle Figuren stellen unterwürfige Diener da. Niemand der Besucher scheint sich an diesen rassistischen Überbleibseln aus der deutschen Kolonialzeit zu stören.

Alltäglicher Rassismus

In ihrem bereits 2008 erschienenen Buch „Deutschland Schwarz Weiss. Der alltägliche Rassismus“ behandelt Noah Sow die vielen Rassismen, die in unserer Gesellschaft fest verankert sind. Noah Sow ist in Bayern geboren und aufgewachsen. Sie vielen Jahren arbeitet sie als Moderatorin, Journalistin, Komponistin, Autorin sowie für verschiedene Radiosender. 2001 initiierte sie die Gründung des „braunen mob e.V“, eine Media Watch Organisation die sich dafür einsetzt, dass Schwarze Menschen in den deutschen Medien fair und ohne Stereotypisierungen dargestellt werden. Aus ihren privaten und beruflichen Erfahrungen mit Rassismus und Diskriminierung entstand das vielbeachtete Buch „Deutschland Schwarz Weiss.“

Sows These: Ohne es zu bemerken, wachsen wir alle mit Rassismus auf. Er scheint so normal und alltäglich, dass wir uns dessen meist gar nicht bewusst sind. Die Bestürzung, die auch Innenminister Schäuble über die gestern veröffentlichten Zahlen zu Rassismus und Rechtsextremismus unter Jugendlichen erkennen ließ, unterstreicht die Aktualität von Sows Buch und die Tatsache, dass Rassismus im Alltag viel präsenter ist als wir meinen.

Auf Nachfrage fallen den meisten Menschen rassistische Sprüche oder Ausdrücke ein, auch wenn sie diese vielleicht selbst nie benutzen würden. Offenbar ist es aber trotzdem nicht so, dass wir alle frei sind von Rassismus und er nur bei den Rechtsextremen und Neonazis zu finden ist. Alltagsrassismus — was genau das ist, beschreibt Noah Sow in ihrem Buch. Sie tritt in einen Dialog mit dem Leser und berichtet direkt und offen von ihren persönlichen, aber auch allgemeinen Erfahrungen mit Rassismus. Möglicherweise aufkommende Einwände des weißen Lesers, dass es sich dabei nicht um Rassismus handle und ihm als weißem Deutschen ähnliches passiert sei, werden von Sow aufgrund ihrer Erfahrungen zurückgewiesen.

Unbewusst verinnerlichte Rassismen

Die Privilegien, die wir als weiße Deutsche haben, sind laut Sow sind für uns Deutsche so selbstverständlich, dass wir diese selten benennen können. Wer sich aber dieser Privilegien bewusst ist, der kann erkennen, wenn diese anderen Menschen nicht gewährt werden. Sow schreibt, Weiße hätten in Deutschland:

- das Privileg, als Individuum betrachtet zu werden, d.h. nicht für Taten anderer Weißer verantwortlich gemacht zu werden;
- das Privileg, sich nicht durch die Frage „Woher kommst du?“ rechtfertigen zu müssen, warum sie im eigenen Land leben;
- das Privileg, ohne Angst vor rassistischen Beleidigungen aufwachsen zu können;
- das Privileg, sich in der Öffentlichkeit anonym bewegen zu können;
- das Privileg, sich keine Gedanken darüber machen zu müssen, ob Kontrollen wegen des vermeintlich anderen Aussehens erfolgen;
- das Privileg, sich und ihre Gruppe selbst benennen zu dürfen;
- das Privileg, sich nicht mit Rassismus auseinander setzen zu müssen oder darauf zu reagieren.
(Quelle: Deutschland Schwarz Weiss, S. 42-43)

In sieben Kapiteln beschreibt Sow den Alltagsrassismus in den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft und untermauert dies durch anschauliche Beispiele. Sow gelingt es hierbei, trotz der persönlichen und direkten Ansprache des Lesers sachlich und wissenschaftlich zu bleiben.

Dem Thema „Rassismus in der Öffentlichkeit“ widmet sie ein eigenes Kapitel. Besonders in den Printmedien und in Film und Fernsehen werden bestehende Stereotypen und Klischees bedient und ohne kritische Hinterfragung weiter transportiert. Dass dies sowohl aus Ignoranz, aber leider oft auch wissentlich geschieht, belegt der auf www.derbraunemob.info dokumentierte Schriftwechsel mit dem Langenscheidt Verlag.

Immer wieder lesen wir von „ausländerfeindlichen Übergriffen“ in der Zeitung. Oft sind aber keine Ausländer Opfer eines rassistischen Angriffs geworden, sondern Deutsche die aufgrund ihres Aussehens von der weißen Mehrheitsgesellschaft nicht als solche anerkannt werden. Korrekt müsste die Meldung also lauten: weißer Deutsche überfallt schwarzen Deutschen.

Rassismus in der Werbung

Rassismus, den fast jeder von uns kennt, aber als solchen nicht erkennt, lächelt uns besonders in der Vorweihnachtszeit von unzähligen Plakaten entgegen. Wir sollen spenden, für Unicef und zahlreiche andere Hilfsorganisationen. Warum aber all die lachenden „niedlichen schwarzen Kinder“ so viel Hilfe brauchen, macht uns nicht stutzig. Noah Sow schon. Sie beschreibt sehr anschaulich und für jeden verständlich, dass es verinnerlichte rassistische Gründe sind, die die Werber veranlasst haben, die „niedlichen schwarzen Kinder“ auszuwählen. Die Kinder in den meisten Plakatkampagnen sehen glücklich aus. Trotzdem animieren sie uns zu spenden. Schwarz bedeutet Armut, Bildungsferne und Hilfsbedürftigkeit. Das alles ist so tief in der weißen Mehrheitsgesellschaft verankert, dass wir die Plakate, an denen wir täglich vorbeigehen, nicht als rassistisch bezeichnen oder erkennen.

Die gerade laufenden Internationalen Wochen gegen Rassismus sind eine wichtige Einrichtung, um Rassismus einmal im Jahr in den Fokus der Öffentlichkeit und der Medien zu rücken. In „Deutschland Schwarz Weiß“ macht Sow allerdings deutlich, dass damit allein wenig verändert werden kann. Der Kampf gegen den Rassismus muss tagtäglich passieren.

Debora Sommer
© Amadeu Antonio Stiftung

Siehe auch unter: www.amadeu-antonio-stiftung.de