Noah Sow
 

Unbequeme Wahrheiten

Rezension auf bszonline.de

Noah Sow hat ein Buch geschrieben. Über Rassisten und Rassismus. Doch meint sie in diesem Fall nicht, wie vielleicht anzunehmen wäre, rassistische Schläger und Neonazis. Gemeint sind Leute wie Du. Und ich. Und Tante Erna aus Bochum-Höntrop. Aber ich bin doch kein Rassist. Und Tante Erna nennt Schwarze zwar „Neger“, aber das hat sie halt so gelernt und außerdem hat sie letztens noch im Supermarkt dieses süße schwarze Baby – die sind aber auch immer niedlich – gestreichelt, daher kann sie doch gar nicht rassistisch sein. Wo also ist das Problem?

Das Problem erklärt Noah Sow in ihrem Buch „Deutschland Schwarz Weiß“ auf 300 Seiten. Für jemanden, für den RassistInnen immer die Anderen waren oder sind, ist die Lektüre des Buchs bestimmt nicht einfach. Aber das soll sie auch gar nicht sein, denn die Beschäftigung mit den eigenen Rassismen ist nichts, was man einfach mal so nebenbei erledigen könnte. Zu sehr spielen Prägungen, angeeignete Verhaltensweisen, Alltagssprache und sozial anerkanntes Verhalten eine Rolle. Diese Tatsachen dienen aber viel zu oft als Ausrede dafür, sich nicht kritisch mit dem eigenen Verhalten auseinandersetzen zu müssen. Doch die Flucht in die eigene Ohnmacht lässt Noah Sow nicht zu. Sie nimmt uns an die Hand und macht uns geduldig aber bestimmt auf den Alltag von schwarzen Menschen in Deutschland aufmerksam, der stark durch rassistische Erfahrungen geprägt ist.

Zurücktreten, bitte ...

Die eigene Perspektive zu wechseln ist nicht einfach und durchaus nicht immer das geeignete Mittel, um Probleme zu verstehen. Bleibt es bei reinem Empathiegedusel, ist häufig nicht mehr als kurzfristige Betroffenheit das Ergebnis. Eine ernsthafte Beschäftigung mit dem eigenen Verhalten kann jedoch durchaus dazu führen, dass falsche Verhaltensweisen erkannt und abgestellt werden.

Rassismus ist ein von Weißen gemachtes Problem und die Beschäftigung mit diesem eben auch Aufgabe von Weißen. Nur allzu oft siegt die Bequemlichkeit, als Mitglied der deutschen Mehrheitsgesellschaft doch die Definition von Rassismus selbst zu übernehmen und somit bestimmen zu können, welches Verhalten nun als rassistisch zu deklarieren sei und welches nicht. Gesellschaftlich akzeptierter Rassismus wird schnell als „nicht so schlimm“ bezeichnet, man solle sich mal „nicht so aufregen“ und überhaupt wäre das doch „gar nicht so gemeint“. Dann noch schnell ein oder zwei Besuche bei Lichterketten gegen Rassismus, ein paar Euro an „Brot für die Welt“ gespendet, und das weiße deutsche Gutmenschengewissen ist beruhigt.

Die eigene Nase

Die Kritik von schwarzen Deutschen wie Noah Sow wird allzu häufig auf paternalistische Art und Weise abgetan, um einer Beschäftigung mit dem eigenen Verhalten aus dem Weg zu gehen. Dass man damit Verhaltensmuster übernimmt, die seit der deutschen Kolonialzeit Schwarzen gegenüber an den Tag gelegt werden, ist eine Erkenntnis, der man sich selbst nur ungern stellen mag. Um den alltäglichen Rassismus, der von der deutschen Mehrheitsgesellschaft ausgeht, bekämpfen zu können, bedarf es eben einer kritischen Reflexion dieser Verhaltensweisen und eines Perspektivwechsels. Auch wenn in einigen Kreisen der Sarotti-Mohr und die „Negerküsse“ als politisch unkorrekt erkannt wurden, gibt es immer noch genug Weiße, für die schon dies eine unerträgliche Bevormundung darstellt. Das Fehlen von vergleichbaren Diskriminierungserfahrungen führt dazu, dass die beleidigende Wirkung dieser Darstellungen von Weißen nicht nachempfunden werden kann.

Das soll aber eben nicht bedeuten, dass es kein Problem mit rassistischen Darstellungen von Schwarzen gibt, sondern dass vielleicht etwas schief läuft im weißen Bewusstsein. Und die beiden erwähnten Beispiele bilden nur die Spitze des Eisberges. In „Deutschland Schwarz Weiß“ erwähnt Noah Sow unzählige Beispiele von rassistischen Alltagsdiskriminierungen, in denen wir nur allzu oft wenig bis kein problematisches Verhalten erkennen. Beispielsweise die massenhafte Darstellung von Schwarzen als unzivilisierte, animalische und ungebildete Wilde in verschiedensten Exponaten populärer Kultur oder der Werbung. Nicht minder selten ist der positive Rassismus, der Schwarzen gute Eigenschaften zuschreibt, die quasi naturgegeben seien. Sie seien besonders musikalisch, hätten gar den „Rhythmus im Blut“. Gute Sportler seien sie allemal und natürlich im Bett besonders aufregend. Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe als dumm, faul oder hinterlistig zu bezeichnen, wird von vielen Menschen als das erkannt, was es ist – Rassismus. Oft sind es aber dieselben Menschen, die kein Problem damit haben, allen Menschen mit schwarzer Hautfarbe ein gesteigertes Rhythmusgefühl zu unterstellen – obwohl hier doch dieselben, rassistischen Mechanismen wirken. Die oftmals entschuldigend angeführte, angebliche „kulturelle Prägung“ wird gerne von denen postuliert, für die alle Schwarzen aus Afrika kommen und der Kontinent sowieso nur ein einheitliches Entwicklungsland ist.

Warum und was nun?

Woher kommt nun das mangelnde Problembewusstsein einer Gesellschaft, die ansonsten bei jeder Karikatur einer englischen Tageszeitung im Vorfeld eines Fußballspiels zwischen englischen und deutschen Mannschaften aufheult, dass es nur so eine Freude ist und so tut, als sei gerade Deutschland das Land, welches von seinen europäischen Nachbarn völlig grundlos und ohne eigenes Zutun ständig durch den Kakao gezogen würde?

Noah Sow sieht hier vor allem die mangelhafte Aufarbeitung der deutschen Kolonialvergangenheit als Grund. Weder in Schulen noch in Universitäten werde über dieses Kapitel deutscher Vergangenheit gesprochen; somit würden tradierte Verhaltensmuster unkritisch übernommen.

Mit ihrem Buch will sie auf eben diese Verhaltensmuster aufmerksam und deutlich machen, welch beleidigenden und diskriminierenden Gehalt unsere weiße Alltagskultur für Schwarze bereithält. Für all diejenigen, die sich ernsthaft bereit zeigen, die eigenen Rassismen aufzudecken und zu beginnen, diese kritisch zu hinterfragen und abzustellen, bietet das Buch eine große Chance. All die – vermutlich vielen – Anderen, die weiterhin ihre weiße Herrscherbrille auflassen wollen, müssen weiterhin mit dem Vorwurf leben, den rassistischen Alltag in Deutschland zu unterstützen.

tm
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