Noah Sow
 

Eine gelungene Spiegelung rassistischer Lebensrealität

Rezension von Tahir Della

Seit mehr als zwanzig Jahren beschäftigen sich Schwarze Menschen mit Schwarzer deutscher Geschichte, historischem und gegenwärtigem Rassismus und Antidiskriminierungsmaßnahmen. Es sind inzwischen zahlreiche Bücher Schwarzer AutorInnen erschienen, die diese Themen in unterschiedlicher Weise behandeln und vor allem Rassismus in seinen verschiedenen Facetten dekonstruieren mit dem Ziel, die rassistischen Verhältnisse, unter denen Schwarze Menschen leben müssen, abzubauen.

"Deutschland Schwarz weiß" ist eine gelungene Spiegelung rassistischer Lebensrealitäten, die großen Teilen der weißen Mehrheitsgesellschaft auch heute noch nicht oder nur unzureichend bekannt sind und ist daher als weiterer Baustein zu einer rassismusfreien Gesellschaft zu sehen.

Mit erfrischender Offenheit zeigt Noah Sow rassistisch begründete Sichtweisen und Denkmuster auf und weist weißen Menschen gleichzeitig auch einen Ausweg - wenngleich der mit vielen Unbequemlichkeiten gepflastert ist. Bedeutet doch eine rassismus- und diskriminierungsfreie Gesellschaft, dass weiße Menschen sich von vielen Privilegien und Vorteilen verabschieden werden müssen, die eine rassistisch geprägte Gesellschaft so mit sich bringt - selbstverständlich für die Herrschenden. Nicht nur, dass diese Privilegien in keiner Weise zu rechtfertigen sind, sie hindern weiße Menschen auch daran, ihre Rollen als Unterdrücker und Diskriminierende abzulegen.

In schonungsloser und gleichzeitig konstruktiver Weise zeigt Noah Sow, wie tief rassistisches Verhalten in der deutschen Gesellschaft verankert ist und wie dies die Lebensqualität Schwarzer Menschen einschränkt. Das Anliegen des Buches ist jedoch weder Anklage noch Schuldzuweisung. Es ist vielmehr als ein Beitrag zu einer nicht rassistischen Gesellschaft zu sehen, die auf einem gleichberechtigten Dialog und Miteinander beruht.

Gleichzeitig verstellt Noah Sows Text weißen Menschen die Flucht in eine Selbstfreisprechung ("Ich bin doch kein Rassist!"), wie es allzu oft geschieht, und fordert auf, sich mit internalisierten Rassismus zu beschäftigen, um so endlich dem Thema verantwortlich zu begegnen.

Das Buch "Deutschland Schwarz Weiß", das zeitweise mit den LeserInnen in Dialog tritt - was den Text wunderbar persönlich macht - begnügt sich nicht nur damit, Rassismus in all seinen Formen zu beschreiben; es zeigt vor allem weißen LeserInnen, wie sie selbst in das Geflecht von Rassismus und Diskriminierung eingebunden sind und zu den Rassismus Ausübenden gehören.

Für Schwarze LeserInnen hält das Buch "Deutschland Schwarz Weiß" aufgrund der aufgezählten Fallbeispiele einen hohen Wiedererkennungswert eigener Lebensrealitäten bereit. Darüber hinaus zeigt der Text aber auch, wie Alltagsrassismus zu begegnen ist und wie die oftmals vorkommende Sprachlosigkeit ob des Erlebten überwunden werden kann. Es ist doch meist sehr schmerzlich und mühsam nach erlittener Diskriminierung auch noch erklären zu müssen "wo es weh tut" und gleichzeitig mit einer weit verbreitenden Uneinsichtigkeit und Lernresistenz konfrontiert zu sein.

Darüber hinaus ist der Rückblick auf die lange Geschichte über die Präsenz Schwarzer Menschen in Europa und Deutschland ein wichtiger Aspekt angesichts der fortgesetzten Versuche, Schwarze Menschen, die in Deutschland ihren Lebensmittelpunkt haben, ins Ausland zu verorten. Dieser Rückblick lässt nur einen Schluss zu: Schwarze Menschen sind kein "vorübergehendes Phänomen" und auch nichts "Neues" in der Geschichte Europas und Deutschlands.

Das Buch "Deutschland Schwarz Weiß" fordert auf, hinzusehen und zuzuhören, ganz gleich wie sehr auch die gewohnten Bilder und Vorstellungen in Frage gestellt werden. "Deutschland Schwarz Weiß" fordert auf, Rassismus zu bekämpfen und zwar zu aller erst in sich selbst.

Tahir Della
München, Februar 2008
Mit freundlicher Genehmigung, © Tahir Della

(Tahir Della ist Vorsitzender der ISD, der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland. Siehe auch www.isdonline.de )