Noah Sow
 

Der weiße Wahn

Rezension von Tina Ly

„Rassismus ist kein Schwarzes, sondern ein weißes Problem“, postuliert Noah Sow gleich zu Beginn ihres Buches und tritt danach Kapitel für Kapitel den Beweis für diese Behauptung an. 320 Seiten mit fundierten Recherchen, historischen Wahrheiten und beklemmenden Beispielen führen den Leser im Laufe der Lektüre zu der schockierenden Erkenntnis, dass mit sehr großer Wahrscheinlichkeit kein Weißer frei ist von Rassismus. Das Buch ist aber keine verbitterte Klageschrift, sondern eine Art Gebrauchsanweisung mit Anleitung zur Fehlerbehebung. Und wie das so ist mit Gebrauchsanweisungen, muss man sie erst einmal lesen, um zu verstehen, womit man es überhaupt zu tun hat.

Der tägliche Wahnsinn

Also wird zunächst das konkret vorhandene Problem analysiert. Noah Sows Bestandsaufnahme des täglichen Wahnsinns befasst sich dabei zunächst mit Begriffen wie „schwarz“, „weiß“, „farbig“, „halbschwarz“, „Mischling“ oder „Mulatte“ und führt dem Leser damit bereits nachdrücklich vor Augen, wie wenig er von sich selbst Rechenschaft abfordert, wenn es um politische Korrektheit geht.

Schon hier zeigt das eigene, tief verwurzelte Denken erste Risse, und nagende Selbstzweifel machen sich breit. Wer dennoch den Mut hat, sich dieser Pein weiter zu unterziehen und mit der Lektüre fortfährt, wird es nicht bereuen.

Noah Sow weiß nur zu gut, was sie ihren weißen Lesern zumutet - zumuten muss und vor allem will. Denn es ist vor allem die Angst der Weißen vor der eigenen Selbsterkenntnis, die dazu führt, dass Rassismus als alltägliches und allgegenwärtiges Problem in unserer Gesellschaft ausgeblendet und damit auch weiter tradiert wird. Es ist auch viel einfacher, nach dem Sankt-Florians-Prinzip auf andere Länder zu verweisen, deren Rassismusproblem ja angeblich viel, viel größer sei, als vor der eigenen Tür zu kehren. Ganz nach der Stammtischregel „Wo es keine Schwarzen gibt, kann es auch keinen Rassismus geben“, womit a) die Täter-Opfer-Beziehung schlicht auf den Kopf gestellt wird und b) dazu noch eine grundlegende Tatsache negiert wird: Die nämlich, dass es Hunderttausende von Schwarzen Deutschen gibt - und das nicht erst seit gestern …

Kein Entrinnen

Noah Sow nimmt den widerstrebenden Leser ins Schlepptau, um ihn Kapitel für Kapitel mit seinen eigenen Abgründen zu konfrontieren. Das beginnt bei persönlichen Selbsttests und endet bei der Erörterung der historischen und politischen Komponenten des Rassismus. Ganz nebenbei kümmert sich die Autorin noch um ein paar Bildungslücken, die der Geschichtsunterricht an unseren Schulen nicht zu schließen imstande ist.

„Na also, da haben wir’s doch!“, frotzelt dabei das weiße Unterbewusstsein, „ich kann doch gar nichts dafür!“ Doch auch dieses kleine Hintertürchen ist bereits von Noah Sow besetzt, die mit Argusaugen darüber wacht, dass sich niemand aus dem Staub macht.

Akribisch beschreibt sie die Fallen, in die wir alle von morgens bis abends tappen. Sie schärft unsere Sinne, damit wir den alltäglichen Rassismus wahrnehmen. Literatur, Radio, Fernsehen, Printmedien, Werbung, Politik, Sport, Theater, Satire, Spendenaktionen - und vor allem unsere Sprache. Der Rassismus lauert überall, mal offen - und noch öfter gut getarnt.

Ein Sensibilisierungsprogramm

Wer sich zuvor außerstande sah, den „ganz normalen“ Rassismus-Wahnsinn zu erkennen, ist nach der Lektüre von „Deutschland Schwarz Weiß“ einen großen Schritt weiter. Noah Sow lässt uns mit dem Problem schließlich nicht im Regen stehen. Sie gibt uns ein paar Kriterien an die Hand, mit deren Hilfe wir Rassismus selbst enttarnen können.

Habe ich nicht vorhin im Radio etwas darüber gehört, wie man „schwarze Schafe“ unter den Versicherungsmaklern erkennt? Vor „Deutschland Schwarz Weiß“ wäre mir das vermutlich nicht weiter aufgefallen. Dank der eingangs erwähnten Anleitung zur Fehlerbehebung kam mir eben doch in den Sinn, dass die „schwarzen Schafe“ unter den Versicherungsmaklern vermutlich allesamt Weiße sind, ebenso wie die meisten „Schwarzfahrer“, „Schwarzseher usw. Man kann das als Haarspalterei oder Wortklauberei abtun. Man kann aber auch die Chance wahrnehmen, sich zumindest lesend in eine Welt zu begeben, die voller Vorurteile, Verletzungen, Respektlosigkeit und Diskriminierung ist. Nach der letzten Seite dieses Buches kehren Sie nicht mehr in Ihre „alte“ Welt zurück.

Sie sollten es auch gar nicht wollen, denn „Rassismus verletzt unsere ganze Gesellschaft, und bei genauem Hinsehen sind in jedem rassistischen System alle Menschen auf unterschiedliche Art betroffen“ (Noah Sow).

Tina Ly
München, Februar 2008